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Wir sind mittlerweile mehr als ein Schmiedeunternehmen

Seit 1. Januar führen Walter Bauer, CFO, und Dr. Dirk Landgrebe, COO, die Geschäfte der Hirschvogel Holding. Zum 1. Juli wird Jörg Rückauf als CEO die neue Unternehmensspitze komplettieren. Ein Gespräch mit den beiden bereits amtierenden Geschäftsführern über die Mobilität der Zukunft, faire Partnerschaft mit den Kunden und das Thema Nachhaltigkeit.

Herr Bauer, Herr Dr. Landgrebe, die Automotive-Branche steckt im Umbruch, und die Corona-Pandemie beschleunigt den Aufstieg der Elektromobilität und neuer Technologien. Wie planen Sie, Hirschvogel durch die Transformation zu steuern, welche Schwerpunkte wollen Sie setzen?

Walter Bauer: Hirschvogel will und muss den tiefgreifenden Wandel im Bereich Mobilität mitvollziehen, besser noch mitgestalten. Dafür müssen wir einen nicht unerheblichen Teil unserer Produkte ersetzen und unser angestammtes, auf die Verbrennertechnologie und die Automobilindustrie ausgerichtetes Produktportfolio erweitern. Wir gehen in neue Produkte und neue Branchen im Mobilitätsumfeld.

Dr. Dirk Landgrebe: Unser Ziel ist, dass ein Großteil unserer Produkte im angestammten Komponentengeschäft bis 2030 verbrennerunabhängig ist. Parallel investieren wir in für uns komplett neue Geschäftsmodelle. Aktuelle Schwerpunkte liegen in den Bereichen Elektromobilität, Mikromobilität und Software.

Sind mit den Investitionen in neue Geschäftsfelder und -modelle auch Beteiligungen an Unternehmen verbunden?

Dr. Dirk Landgrebe: Definitiv ja. Es gibt bereits eine Reihe von Partnerunternehmen oder Start-ups, an denen wir beteiligt sind und deren Entwicklung wir unterstützen. Und wir sind interessiert an weiteren, strategisch sinnvollen Mergers und Acquisitions, also Fusionen und Zukäufen.

Wie schätzen Sie die weitere Marktakzeptanz der Verbrennertechnologie ein?

Walter Bauer: Ich vermute, dass momentan weniger Autofahrer als gedacht wirklich vollelektrisch fahren wollen. Der Trend zum reinen Batteriefahrzeug wird sich dennoch aufgrund regulatorischer Vorgaben der Politik verstärken. Diese Regulatorien werden womöglich zum Ende der Verbrennertechnologie zumindest im Pkw-Bereich führen.

Dr. Dirk Landgrebe: Die Situation wird weniger von der Technologiereife als von der Politik bestimmt. Entscheidend aus meiner Sicht ist die umgekehrte Frage, die nach der Marktakzeptanz der reinen Batteriefahrzeuge. Wie gelingt es, die Akzeptanz trotz beschränkter Fahrzeugreichweiten, langer Ladezeiten und der bisher relativ desolaten Ladeinfrastruktur zu erhöhen?

Wird Hirschvogel an den weltweiten Standorten weiterhin in Diesel- und Benzinkomponenten investieren?

Dr. Dirk Landgrebe: Das hängt von Kundennachfrage und Perspektiven ab. Da wir im Verbrennerbereich kein langfristiges Geschäft mehr sichern können, werden wir nicht bedingungslos in neue Infrastruktur, Gebäude etc. investieren.

Zu den neuen, verbrennerunabhängigen Produkten im Hirschvogel-Portfolio zählen die Differentialkegelräder. Die Produktion in Europa läuft gerade an. Wie ist die strategische Ausrichtung für die Märkte Nordamerika, Mexiko und China?

Walter Bauer: Wir starten die Produktion der Differentialkegelräder in unserem Stammwerk in Denklingen und rollen sie mittelfristig in andere Regionen aus.

Dr. Dirk Landgrebe: Neben China und Mexiko ist auch unser Werk in Indien als Produktionsstandort eine Option, die wir prüfen. Ein grundsätzlicher Vorteil ist, dass wir die Differentialkegelräder mit bekannten Technologien und zugleich neuen, sehr effizienten Prozessen fertigen können.

Was sollte sich aus Ihrer Sicht in der Zusammenarbeit von OEMs und Zulieferern ändern, um die gemeinsame Herausforderung des Umbruchs zu bewältigen?

Walter Bauer: Es braucht mehr partnerschaftliches Verhalten. Wir können kosten- oder technologieseitig viel besser auf die Wünsche von OEMs und Tier-1s reagieren, wenn wir uns im Gegenzug auf sie verlassen können. Das gilt bei der Auftragsvergabe für die letzten Verbrennergenerationen ebenso wie für die Entwicklung unseres neuen Produkt- und Servicespektrums. Nur wenn wir wissen, an welchen Themen unsere Kunden arbeiten, können wir uns als Lieferant der Zukunft anbieten und bewähren.

Was zeichnet aus Sicht von Hirschvogel eine tragfähige Kunden-Lieferanten-Beziehung aus?

Dr. Dirk Landgrebe: Offene, ehrliche Kommunikation sowie Verständnis für die Situation des anderen. Wir wollen unseren Kunden auch noch in zehn, fünfzehn Jahren Produkte und Services auf höchstem Niveau liefern können. Das schaffen wir nur, wenn uns trotz des aktuell enormen Margendrucks genügend Mittel bleiben, um in die Transformation unseres Unternehmens zu investieren, in die Weiterentwicklung angestammter und in den Aufbau neuer Geschäftsfelder.

Walter Bauer: Es wäre gut, wenn die Kunden neben dem Preis wieder das Gesamtpaket des Lieferanten sehen. Auch wenn wir nicht immer der billigste Lieferant sein können, sind wir vielleicht trotzdem der beste, weil wir über den Preis hinaus Innovationskraft, finanzielle Stabilität und Verlässlichkeit anbieten können.

Der Margendruck ist hoch. Mit welchen Maßnahmen stellen Sie die künftige Wettbewerbsfähigkeit sicher, insbesondere, was die Zerspanung in Europa betrifft?

Dr. Dirk Landgrebe: Mit einem wettbewerbsfähigen Automatisierungs- und Standortkonzept.

Walter Bauer: Letzteres ist unter anderem ein Thema unserer laufenden Strategieüberrollung.

Hirschvogel kauft aktuell den Stahl für die deutschen Werke bei europäischen Stahlwerken ein. Gibt es Überlegungen, Stahl aus Drittländern zu importieren?

Dr. Dirk Landgrebe: Immer wieder. Wir kennen die Stahlmärkte weltweit, weil wir Werke in China, Indien, Mexiko und den USA haben. Wenn uns etwas günstig erscheint, importieren wir von dort auch nach Europa. Bisher war der Stahleinkauf eine Frage des Preises. Durch das Lieferkettengesetz dreht sich das gerade. Aufgrund der Kundenanforderungen achten wir verstärkt darauf, wie „grün“ der Stahl ist, also wie nachhaltig er hergestellt wird.

Stichwort Nachhaltigkeit. Strebt Hirschvogel auch eine CO2-neutrale Produktion an?

Dr. Dirk Landgrebe: Wir wollen mit unseren Produkten künftig vermehrt einen CO2-Footprint mitliefern. Um den Energieverbrauch und den damit verbundenen CO2-Ausstoß so gering wie möglich zu halten, haben wir zwei Ansatzpunkte. Erstens, wir kaufen Rohmaterial ein, das möglichst nachhaltig produziert wurde. Zweitens, wir sorgen für mehr Energieeffizienz in unseren Prozessen. Ein Beispiel: Wir gewinnen die über unsere Blockheizkraftwerke abgegebene Abgasabwärme zurück und nutzen diese für die Vorerwärmung von Rohmaterial oder zur Warmwasseraufbereitung.

Walter Bauer: Neben der sukzessiven Senkung des Stromverbrauchs bei der Produktion ist die Eigenstromerzeugung ein weiterer wichtiger Punkt unseres Energiemanagementsystems. Am Standort Denklingen sind wir gerade dabei, eine Fotovoltaikanlage zu errichten, mit der wir erneuerbare Energie in unser Netz einspeisen. Auch in unserem Werk in Indien erzeugen wir bereits von Beginn an einen gewissen Anteil Eigenstrom. Zudem prüfen wir den Bezug von „grünem“ Strom.

Im Herbst findet in München die IAA Mobility statt. Hirschvogel und seine Partnerunternehmen werden dort gemeinsam Komponenten und Anwendungen aus den neuen Geschäftsfeldern präsentieren.

Walter Bauer: Ja, wir möchten zeigen, dass Hirschvogel mittlerweile mehr ist als ein Schmiedeunternehmen mit erweiterter Wertschöpfung, dass wir uns gemeinsam mit unseren Partnern in neue Bereiche rund um das Thema Mobilität hineinbewegen. Auf der IAA Mobility werden wir Kunden und potenziellen Kunden einen ersten Einblick in die Erweiterung unseres Portfolios geben.

Dr. Dirk Landgrebe: Und wir präsentieren uns möglichen weiteren Partnern. Wir suchen nach Unternehmen, die ergänzende Produkt- oder Serviceideen in unseren aktuellen Schwerpunktbereichen Elektromobilität, Mikromobilität oder Software haben und die wir bei der Entwicklung und Realisierung mit unserem Industrialisierungs-Know-how unterstützen können.